Michael Scherrer
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Für Marco Sigg, Direktor von Museum Aargau, ist es wichtig, Geschichte nicht nur zu vermitteln, sondern für das Publikum mit allen Sinnen erlebbar zu machen.
Bild: zvg
Seit knapp drei Jahren leitet Marco Sigg das Museum Aargau mit seinen zehn Standorten. Im Interview spricht er über die Faszination der Geschichte, die Erwartungen des Publikums, den Umgang mit künstlicher Intelligenz und die Herausforderungen, mit begrenzten Mitteln ein attraktives Museumsangebot zu schaffen.
Marco Sigg, Sie sind seit dem 1. Januar 2024 Direktor von Museum Aargau. Was hat Sie an dieser Aufgabe besonders gereizt?
Ich leitete vorher das Historische Museum Burg in Zug, ein mittelgrosses Museum. Der Wechsel zu Museum Aargau mit zehn Standorten war für mich eine Weiterentwicklung. In seiner dezentralen Organisation ist es ziemlich einzigartig, aber auch eine Herausforderung. Besonders spannend finde ich, dass die Standorte die Geschichte des Aargaus von der Römerzeit bis heute abdecken.
Und wie fällt Ihre persönliche Bilanz nach knapp drei Jahren aus?
Unsere Leute an der Front leisten eine super Arbeit in der Vermittlung, im Gästeservice und im Betrieb. Wir haben dementsprechend gute Zahlen und positives Feedback. In der Geschäftsleitung haben wir gemerkt, dass Museum Aargau über die Jahre stark gewachsen ist, die Führungsstruktur aber nicht mitgewachsen war. Deshalb haben wir den Betrieb reorganisiert. Neu werden Vermittlung und Programm in einem Fachbereich koordiniert.
Ein grosses Projekt ist die Klosterhalbinsel Wettingen. Der Grosse Rat entscheidet 2027 darüber, ob die Klosterhalbinsel Wettingen dauerhaft in Museum Aargau integriert wird. Ein zweites Projekt ist Stammlande der Habsburger. Dafür wurde ein Verein gegründet, der mit Partnern das Thema kulturtouristisch vermitteln und vermarkten soll.
Sie sind promovierter Historiker und Museologe. Was fasziniert Sie an der Geschichte, und was begeistert Sie bis heute an Ihrem Beruf?
Ich bin sehr daran interessiert, wie etwas entstanden ist und warum es heute so ist, wie es ist. Wenn man die Geschichte versteht, versteht man auch die Gegenwart besser. Mich fasziniert, aus der Vergangenheit ein Verständnis für das Hier und Heute zu bekommen. In meinem Beruf bin ich heute mehr mit Führung und Management beschäftigt. Berührungspunkte mit der Geschichte habe ich vor allem in den verschiedenen Projekten, in die ich meine Fachexpertise einbringen kann. So kann ich beides wunderbar verknüpfen.
Museum Aargau betreibt zehn Standorte. Haben Sie darunter einen persönlichen Lieblingsort?
Ich finde alle Orte spannend. Aber Schloss Wildegg fasziniert mich sehr. Es ist ein Barockschloss mit einer weitläufigen Domäne, einem Barockgarten sowie Landwirtschaft und Weinbau. Dazu kommt die tolle Geschichte der Familie Effinger, eines Landadelsgeschlechts aus Brugg. Sie besass Schloss und Domäne von 1484 bis 1912.
Museen gelten manchmal als etwas verstaubt. Wie gelingt es Ihnen, Geschichte lebendig zu vermitteln und auch Menschen anzusprechen, die sich wenig dafür interessieren?
Unsere historischen Standorte üben schon von sich aus eine Faszination aus. Kombiniert mit Angeboten und Veranstaltungen geht es nicht nur um Wissensvermittlung, sondern um das Erleben mit allen Sinnen. Unser Claim lautet ja: «Geschichte am Schauplatz erleben.» Wir setzen auf das Erlebnis und das Mitmachen, etwa bei unseren verschiedenen Workshops. Wir haben viele Familien zu Besuch. Wichtig sind Angebote, bei denen Kinder etwas machen können und für Geschichte begeistert werden – zum Beispiel auf einem Mittelaltermarkt, wo eine Schauspielgruppe so lebt und arbeitet wie anno dazumal.
Wie hat sich das Publikumsinteresse entwickelt? Beobachten Sie Veränderungen bei den Besucherzahlen und der Zusammensetzung des Publikums?
Die Besucherzahlen sind stabil. Wir müssen aber immer wieder neue Angebote erarbeiten, um attraktiv zu bleiben. Unsere Standorte sprechen unterschiedliche Zielgruppen an. Auf Schloss Wildegg etwa steht der Barock im Mittelpunkt, auf Schloss Lenzburg das Mittelalter. Wir haben sehr viele Familien, aber auch älteres Publikum. Ich sage immer: Wichtig ist, dass jede und jeder dreimal im Leben ins Museum geht: als Kind, als Eltern und als Grosseltern. Wir merken, dass die Erwartungen an Veranstaltungen gestiegen sind. Diese müssen aber zu uns passen und einen Bezug zu den Standorten haben.
Jüngere Generationen wachsen in einer zunehmend digitalen Welt auf. Wie erreichen Sie Kinder und Jugendliche und wecken ihre Neugier auf die Vergangenheit?
Familien mit Kindern und Jugendlichen machen, wie schon erwähnt, einen grossen Teil unseres Publikums aus. Auch Schulklassen besuchen uns. Es braucht verschiedene Angebote, die faszinieren und zum Besuch motivieren. Wenn die Kinder und Jugendlichen einmal vor Ort sind, läuft es fast von selbst. Wenn sie etwa auf Schloss Lenzburg in den Kerker, auf die Türme und durch die Hunderte Jahre alten Schlossräume gehen können, fasziniert das nicht nur die Jungen. Wir bieten ganz bewusst ein Gegenprogramm zur digitalisierten Welt.
Künstliche Intelligenz verändert zahlreiche Lebensbereiche. Welche Chancen und Risiken sehen Sie für Museen? Könnten Besucher künftig mit historischen Persönlichkeiten mittels KI sprechen?
Wir setzen uns mit KI auseinander und bauen Know-how auf. Ich sehe durchaus Potenzial in innerbetrieblichen Abläufen. Bei einer historischen KI-Persönlichkeit bin ich aber zurückhaltend: Es ist eigentlich Fake. Wir können die KI mit quellenbasierten Informationen füttern, aber was sie daraus macht, ist eine erfundene Darstellung. Das kann spielerisch spannend sein. Es muss aber klar sein, dass ein solcher Austausch Fiktion ist und nicht die historische Realität wiedergibt. KI kann die Geschichtsvermittlung unterstützen, ist aber kein Ersatz.
Museen stehen auch unter wirtschaftlichem Druck. Wie schwierig ist der Spagat zwischen attraktivem Angebot, wissenschaftlichem Anspruch und begrenzten finanziellen Mitteln?
Die Ressourcen sind begrenzt, und wir müssen damit auskommen. Einerseits spornt uns das an, effizient zu arbeiten und uns weiterzuentwickeln. Andererseits müssen wir angesichts der Ansprüche des Publikums konkurrenzfähig bleiben. Wir können nicht sagen, dass wir uns nicht mit KI beschäftigen, weil es zu viel Zeit, Geld und Personal kostet.
Der Spagat ist gross. Im Vergleich mit anderen Museen und grossen Häusern in der Schweiz haben wir gemessen an der Anzahl Standorte und der Ausstellungsfläche ein eher kleines Budget und sind auch personell knapp aufgestellt. Deshalb müssen wir den Fokus schärfen, Schwerpunktprojekte angehen und diese finanziell schlank umsetzen. Gleichzeitig müssen wir im bestehenden Rahmen attraktive zusätzliche Angebote schaffen.
Zum Schluss eine persönliche Frage: Wenn Sie mit einer historischen Persönlichkeit einen Abend verbringen könnten – wen würden Sie treffen und was würden Sie fragen?
Da gäbe es einige. Ich würde mich aber eher mit einer Magd oder einem Knecht von damals unterhalten und erfahren, wie der Alltag im Schloss organisiert wurde, etwa wie es um die Körperhygiene stand. Einen authentischen Einblick in das damalige Leben zu erhalten, wäre super spannend.
Interview: Olivier Diethelm
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