Julia Knapp
Die Zofinger Literaturtage gehen mit Tschechien "an die Küste".
Vom 16. bis 18. Oktober gehen die Zofinger Literaturtage mit Gastland Tschechien «an die Küste»: Drei Tage lang erwartet das Publikum Lesungen, Gespräche und Musik, die zeitgemäss, vielseitig und herrlich unprätentiös sind.
Zofingen «Ein Land an der Küste»: Das Motto des Gastlandes Tschechien sorgt just in diesen Tagen an der weltbekannten Frankfurter Buchmesse wohl für das eine oder andere Stirnrunzeln. Geografisch ist die mitteleuropäische Nation ein klassisches Binnenland, doch die fünf Worte eröffnen ungeahnten Interpretationsspielraum: Eine Anspielung auf William Shakespeares «Das Wintermärchen» etwa, in dem er kurzerhand Böhmen an die Küste verlegt? Oder eine Ode an Ingeborg Bachmanns Gedicht «Böhmen liegt am Meer»? Julia Knapp, Programmleiterin der Zofinger Literaturtage, sieht in den Worten allem voran eine Aufforderung: «Für mich bedeutet das, Grenzen zu überschreiten. Über das bisher Denkbare hinauszugehen.»
Seit 2019 engagiert sich die Literaturwissenschaftlerin bei den Zofinger Literaturtagen. Seit der ersten Austragung 2006 hat sich der Anlass zu einer Art «kleiner Schwester» der Frankfurter Buchmesse entwickelt, zumindest in der Schweiz. «Auch wenn die Frankfurter darüber wohl nur lachen würden», schmunzelt sie. Denn während in Frankfurt die ganz grossen Namen ganze Messehallen füllen, schimmern auch die hektischen und bisweilen unschönen Seiten einer Industrie hindurch. Im Thutstädtchen dagegen bleibt der Rahmen überschaubar und familiär. Für viele Autorinnen, Autoren und Kunstschaffende kommt das nach den anstrengenden Tagen am Main gerade recht. Oder in den Worten Knapps: «Wir wollen die Kür, nicht die Pflicht.»
Mit seinen angesprochenen Grenzen hat das kleine Land seinen ganz eigenen Umgang: Erst 1993 spaltete sich die Tschechoslowakei in der «Samtenen Scheidung» in ihre jeweiligen Staaten auf. Zuvor kam es unter dem Druck der angrenzenden Sowjetunion immer wieder zu Unruhen, etwa als der Prager Frühling 1968 gewaltsam niedergeschlagen wurde.
Es sei deswegen nur natürlich, dass sich die tschechische Literatur wie keine zweite als Korrektiv der Politik verstehe, meint Knapp. Politische Sachverhalte fänden in der Literatur eine grosse Bühne, welche auch die Literaturtage näher beleuchteten. Denn man wolle das Land in seiner gesamten Breite und Tiefe vorstellen.
Dafür hat sich Knapp erneut ins Zeug gelegt: Nach der Ausgabe 2025 mit dem Gastland Philippinen präsentiert sie auch heuer ein stimmungsvolles Potpourri aus Programmpunkten. Während etwa aus Petr Hanels «Du weisst 'nen Scheiss über Sterne» eine packende Coming-of-Age-Geschichte gelesen wird, kann in Klára Vlasákovás «Die Kugel» nur erahnt werden, was eine mysteriöse Kugel ganz allein in einer Gesellschaft auslösen kann.
Auch für Gespräche und Podiumsdiskussionen bieten die Literaturtage Raum: Im Gespräch mit Ondrej Cikán kann Tschechien, «Mitteleuropas Herzschlag», entdeckt werden, während mit Lucie Faulerová und Petr Hanel unter dem Motto «Vom Vaterland und seinen Söhnen» über Patriarchat, Politik und Literatur diskutiert wird. Und: Jan Repka und Jean-Pierre Dix führen derweil eine tschechische Hommage an den Berner Kultklassiker «Dr Ferdinand isch gstorbe» von Mani Matter vor. Oder eben: «Dr Ferdinand isch mrtev».
Die Schwelle, einen Kulturanlass zu besuchen, sei in den Köpfen vieler Leute immer noch hoch, meint Knapp. Es halte sich die Vorstellung einer elitären Hochkultur, die Aussenstehende nur müde belächeln. «Das Schönste ist immer, wenn Leute nach einer Veranstaltung auf mich zukommen und mir beichten, dass sie eine gewisse Angst überwinden mussten, aber der Anlass toll war.» Die Programmleiterin gibt zu: «Auch wir haben manchmal keine Ahnung.» Schliesslich lade man ein Land ein, um etwas darüber zu erfahren.
Zudem: Wann hat man zuletzt etwas vorgelesen bekommen? Eben. Höchste Zeit, es wieder einmal zu erleben.
Joel Dreier
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