Patrick Blattner
erklärt im Interview, was die GewerbeART in Küttigen speziell macht
Seit Anbeginn der Zeit ist der Wolf Projektionsfläche des Menschen – nicht zuletzt auch in den politischen Debatten der modernen Schweiz. Das Kunsthaus Zofingen bietet in seiner neuen Ausstellung neun Künstler/innen Raum und Bühne, das mystische Tier aus vielfältigen Perspektiven der zeitgenössischen Kunst zu beleuchten.
Zofingen Ein Blick in die Sagenwelten verschiedener Völker bringt die Erkenntnis: Kaum ein Tier prägte die Fantasie der Menschen so sehr wie der Wolf. Schon vor Tausenden Jahren rankten sich Erzählungen um das Rudeltier und dessen Rolle in der Entstehung und Zerstörung der Welten. Im Apokalypsen-Mythos «Ragnarök» der nordischen Völker etwa agiert der Fenris-Wolf als Vorbote – und schliesslich auch als Vollstrecker – des Weltuntergangs, als er den Allvater Odin verschlingt.
Ganz anders die Gründungssage Roms: Dort sollen sich die Söhne des Kriegsgottes Mars und späteren Gründerväter Roms, Romulus und Remus, an der Zitze der Wolfsmutter Lupa genährt haben. Niedergang und Grundstein einer Zivilisation – gegensätzlicher könnte die Rolle kaum sein.
Auch fernab von Mythen und Erzählungen polarisiert der Wolf wie kaum ein zweites Tier. Oder polarisiert eben doch nur der Mensch den Wolf? Genau diesen Fragen will das Team rund um Eva Bigler, künstlerische Leiterin des Kunsthauses Zofingen, in der Ausstellung «Der Wolf in der Gegenwartskunst» auf den Grund gehen. Dabei beschränkt sich das Kunsthaus auf seine Kernkompetenz: «Wir setzen bewusst auf eine ästhetische, künstlerische Betrachtung des Wolfes», stellt Bigler klar. Auf einen naturhistorischen Abriss oder gar eine politische Botschaft verzichtet das Haus. Auch wenn sich Freigeister diese bilden können – der Wolf wird von neun Kunstschaffenden aus unterschiedlichen Positionen beleuchtet.
Wer zu Beginn des Textes den Kultmärchen-Klassiker «Rotkäppchen» vermisst, den kann Andrea Nyffeler abholen. Für die Ausstellung entsprang aus dem Pinsel der Berner Künstlerin eine Werkserie, welche das Mädchen mit roter Kappe in neue Welten interpretiert. Es verweben sich Kitsch und Ernst, Magie und Realität zu einem vielschichtigen Bild – genau so, wie auch der Wolf in verschiedensten Rollen auftritt. Über die ganze Ausstellung finden sich verschiedenste Interpretationen des ikonischen Mädchens mit der roten Kappe. Einmal sogar als Freund des Wolfes (siehe Abbildung), einmal mit gänzlich anderen Wurzeln.
Die Gruppendynamik eines ganzen Wolfsrudels macht derweil
Rochus Lussi erlebbar. Eigens für die Ausstellung schuf er 15 lebensgrosse Wölfe. Jeder Wolf ist ein Unikat. Das Kunstwerk wird durch rote Stäbe ergänzt. Was diese bedeuten? «Darüber muss sich jeder selbst Gedanken machen», schmunzelt Eva Bigler auf einem Rundgang. Sind es Hirtenstäbe oder gar Speere? Der Vorstellungskraft sind keine Grenzen gesetzt.
Die Ausstellung legt nahe: Der Wolf könnte uns näher sein, als wir denken. So befolgt auch der Wolf Gesetze – jene der Natur. Der Mensch hält seine Rechtsprechung abstrakter. Sophie Schmidt gibt der judikativen Gewalt im Festsaal des Obergeschosses Raum. Viel Raum. Ihre Werke benötigen diesen: Die 57-Jährige vergrösserte das 16-seitige Jagdgesetz im «Massstab XXL» auf genau 214 x 150 Zentimeter. So wird neben der abstrakten Juristensprache auch auf eine aktuelle Entwicklung aufmerksam gemacht. Zurzeit befindet sich eine Überarbeitung des Jagdgesetzes in der Vernehmlassung. Dabei gerät vor allem der Wolf ins Fadenkreuz. Wortwörtlich: Der Abschuss von Rudelwölfen soll künftig ganzjährig möglich sein.
Joel Dreier
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